Wer an einen Hackerangriff denkt, stellt sich meist eine gezielte Aktion vor: Jemand sucht sich ein Opfer aus, recherchiert und schlägt zu. So läuft es bei Konzernen und Prominenten. Bei allen anderen läuft es völlig anders — und dieser Unterschied entscheidet darüber, welche Schutzmassnahmen sich überhaupt lohnen.
Angriffe sind Fliessbandarbeit
Angriffe auf Privatpersonen funktionieren wie Fischen mit dem Schleppnetz. Automatisierte Systeme verschicken Millionen von E-Mails, probieren gestohlene Passwörter bei Tausenden von Diensten durch und scannen das Internet nach Geräten mit bekannten Sicherheitslücken.
Die Kosten pro Versuch liegen nahe null. Es lohnt sich also selbst dann, wenn nur einer von zehntausend Versuchen Erfolg hat.
Daraus folgt etwas Beruhigendes und etwas Unbequemes zugleich:
- Beruhigend: Sie müssen sich nicht gegen einen entschlossenen Spezialisten verteidigen, der es persönlich auf Sie abgesehen hat.
- Unbequem: Sie sind trotzdem laufend Ziel — einfach, weil Sie existieren und online sind.
Nicht Geheimnisse, sondern Zugänge
«Ich habe nichts zu verbergen» verwechselt zwei Dinge. Angreifer interessieren sich selten für Ihre privaten Gedanken. Sie interessieren sich für das, was sich zu Geld machen lässt:
| Was erbeutet wird | Wozu es benutzt wird |
|---|---|
| Das E-Mail-Konto | Der Generalschlüssel. Über «Passwort vergessen» lassen sich damit fast alle anderen Konten übernehmen. |
| Die Identität | Bestellungen auf Rechnung in Ihrem Namen, Kreditanträge, gefälschte Konten. |
| Die Kontaktliste | Betrugsnachrichten wirken enorm glaubwürdiger, wenn sie vom echten Konto einer bekannten Person kommen. |
| Rechenleistung | Versand von Spam, Angriffe auf Dritte — unbemerkt im Hintergrund. |
| Dateien | Verschlüsselung und Erpressung: Fotos und Dokumente sind für Sie unbezahlbar, für Angreifer ein Hebel. |
Der Wert liegt also nicht im Inhalt, sondern im Zugang. Und Zugänge hat jeder.
Risiko heisst: Wahrscheinlichkeit mal Schaden
Absolute Sicherheit gibt es nicht — nicht digital und nirgends sonst. Das ist kein Grund zur Resignation, sondern eine Aufforderung zum vernünftigen Abwägen. Eine einfache Denkfigur hilft dabei:
Ein Ereignis, das häufig eintritt und viel Schaden anrichtet, verdient Ihre Aufmerksamkeit zuerst.
Der Verlust Ihres E-Mail-Passworts ist wahrscheinlich und folgenschwer — also ganz oben auf der Liste. Ein Angriff eines Geheimdienstes auf Ihren Router ist folgenschwer, aber äusserst unwahrscheinlich — also nicht Ihr Problem.
Gute Sicherheit ist deshalb nicht die maximale, sondern die angemessene. Massnahmen, die zu umständlich sind, werden umgangen — und umgangene Sicherheit schützt niemanden. Ein bequemes Verfahren, das Sie dauerhaft durchhalten, ist besser als ein perfektes, das Sie nach zwei Wochen aufgeben.
Was Sie in zwanzig Minuten tun können
Bevor Sie irgendetwas absichern, sollten Sie wissen, was Sie überhaupt besitzen. Drei Fragen genügen für den Anfang:
- Welche Konten habe ich? E-Mail, Banking, Shops, soziale Netzwerke, Cloud-Speicher, Streaming. Die meisten Menschen kommen auf deutlich über fünfzig. Die Übersicht der gespeicherten Passwörter im Browser ist ein guter Startpunkt.
- Welche Konten sind kritisch? Kritisch ist alles, worüber sich andere Konten zurücksetzen lassen — also E-Mail und Mobilfunknummer — sowie alles mit direktem Geldbezug.
- Welche Daten würde ich schmerzlich vermissen? Fotos, Dokumente, Verträge. Das ist die Liste für Ihr Backup-Konzept.
Mehr braucht es für den Einstieg nicht. Wer diese drei Fragen beantwortet hat, weiss bereits mehr über seine eigene Angriffsfläche als die meisten — und kann die nächsten Schritte gezielt angehen, statt wahllos Ratschläge abzuarbeiten.